Freitag, 22. Juli 2016

Hass und Hysterie... offenbar haben sie mehr gemeinsam als das H am Anfang.

Sie hat wieder zugeschlagen: Die Hysteriekeule.
Und ich konnte mal wieder den Mund nicht halten.
Mittlerweile sollte ich wissen, dass das immer einen Shitstorm nach sich zieht.
So natürlich auch heute.
Aber beginnen wir von vorne:

Ich sitze vor dem Fernseher und beobachte entsetzt die aktuellen Ereignisse in München.
Schüsse in einem Einkaufszentrum.
Panik, Verletzte und Tote.
Keiner weiß, was eigentlich los ist.
Die Polizei mobilisiert alle Einsatzkräfte, die sie aufbringen kann, denn in der momentanen Situation, in der die Welt sich befindet, sind alle in empfindlicher Alarmbereitschaft.

Die Nachrichten kommen schleppend.
Über Nachrichtensender, die sich nur auf Berichte von angeblichen Zeugen verlassen können.
Denn die Polizei sagt nichts.
Weil sie noch gar nichts weiß.
Und weil sie damit beschäftigt ist, den Tatort abzuriegeln, sich einen Überblick zu verschaffen, zu evakuieren und die Lage unter Kontrolle zu bringen.

Doch Gott sei Dank gibt es Facebook.
Und die vielen Experten dort.
Die direkt „TERROR“ schreien.
Und irgendeiner, der auch noch „Am Stachus schießt es auch!“ schreit.
Die Nachricht geht wie ein Lauffeuer durch die sozialen Netzwerke.
Ein zweiter Tatort wäre ja auch sehr praktisch.
Der würde den Terrorverdacht, den die ganzen Facebook-Terror-Experten sowieso schon haben, direkt bestätigen.
Wirklich außerordentlich praktisch.
Auch für die Nachrichtensender, die das sofort durch den Äther jagen...
...und damit auch die restlichen Experten aufschrecken, die bisher nur unzureichende Hysteriemeldungen verkünden konnten.

Was jetzt passiert, stelle ich mir so vor:
Am Stachus ist aktuell gar nichts passiert.
Doch irgendwer hat es gesagt.
Diese Nachricht geistert in Sekundenschnelle durch alle Netzwerke.
Irgendwer, der dort, am Stachus,  friedlich in einem Cafe sitzt und gerade seine Facebook Startseite checkt, liest das.
Nicht nur ein Mal.
Sondern zehn Mal.
Plus vier private Nachrichten, in denen Freunde fragen, ob er noch am Stachus sitzt, denn man hat gehört, da schießt auch einer und er solle sich schnell in Sicherheit bringen.
In filmreifer Hysterie springt der Kaffeetrinkende jetzt auf und ruft: „Hier hat auch jemand geschossen. Haben die Nachrichten gesagt.“
Und jetzt?
Klar: Panik!
Die Leute laufen.
Vermeintlich um ihr Leben.
Kinder und Alte kommen nicht mit und werden in der Masse umgerissen.
Dieses Chaos bestätigt wiederum die Nachrichtenagenturen in ihrer bisher unbestätigten Meldung.
Denn es gäbe ja keine Panik, wenn dort nicht wirklich jemand geschossen hätte.

Jetzt werden Polizeibeamte vom Tatort zum Stachus abgezogen.
Denn da gibt’s ne Panik.
Weil da auch jemand schießt.
Angeblich.
Schließlich haben wir Terror im Land.
Die Beamten verlassen also den Tatort, um einen offensichtlichen zweiten Tatort zu sichern und Menschen zu retten.
Und um dann feststellen, dass dort alles in Ordnung ist.
Die Täter jetzt aber genug Zeit hatten, sich irgendwohin zu flüchten.

Ich, als ehemalige Sicherheitsmitarbeiterin, schüttle nur den Kopf und denke:
„Sind die eigentlich doof? Mindestens so doof, wie die Gaffer auf der Autobahn, die aus lauter Sensationsgeilheit Menschenleben auf Spiel setzen, weil kein Notarzt durch kommt? Oder sogar noch doofer?“

Und dann kommt, was kommen muss.
Zumindest, wenn man ein Mensch ist, wie ich.
Der nicht immer und überall die Norm-Meinung vertritt, nur weil alle das tun.
Ich veröffentliche ein Posting, in dem steht, dass es eventuell helfen könnte, nicht alle unbestätigten Meldungen gleich weiter zu veröffentlichen und damit eine weitere Panik auszulösen.
Eine zudem vollkommen unnötige Panik, die die Polizei davon abhält, das zu tun, was sie gerade tun müsste.

Die Reaktionen sind vielfältig:
„Man wird doch seine Anteilnahme kundtun dürfen.“
„Warum sollte ein Facebook Post eine Panik auslösen?“
„Aber offenbar ist dort die Hölle los. Mehrere Täter an mehreren Orten.“
„Ich hab halt Freunde da.“

Ich versuche, mit Sicherheitstechnischen Aspekten zu erklären, was da gerade passiert ist.
Was so ein Posting sehr wohl auslösen kann, wenn es 10.000 mal gepostet wird.
Und was es aktuell auch übrigens direkt getan hat.

Die Reaktionen sind auch hierauf vielfältig.
Es gibt welche, die sofort verstehen, was ich meine.
Es gibt die, die es sich erklären lassen und zugeben, dass sie soweit nicht gedacht haben.
Es gibt die, die an mir vorbei reden, dann aber doch verstehen, was ich meine.
Und es gibt die, die mich wieder mal kommentarlos aus ihrer Freundesliste löschen.

Ich frage mich in solchen Momenten tatsächlich, warum sie das tun.
Weil sie nicht aus der Kindergartentasche gewachsen sind?
Weil ich mich nicht an ihr Bild der allgemein gängigen Hysterieregeln halte?
Oder gar, weil sie sich angesprochen fühlen und eigentlich selbst wissen, dass ich vielleicht recht hatte, es aber leichter ist, den Buhmann woanders zu suchen als im Spiegel?
Vielleicht auch, weil es gerade mehr Spaß macht, aus Hysterie Hass werden zu lassen und die Situation der Welt damit noch schlimmer zu machen, als sie es ohnehin ist?
Oder einfach, weil die Fakten nicht schon schlimm genug sind, und man gerne noch eine größere Katastrophe hätte?

Einer der wenigen, die direkt verstanden haben, was ich meinte, sagt dazu nur:
Es ist der übliche Müll, der sich selbst rausträgt.

Wahrscheinlich hat er recht.
Schade ist es trotzdem.
Denn es macht mir Angst, dass sich vermeintlich erwachsene Menschen so leicht instrumentalisieren lassen, von Terroristen, die sehr offensichtlich schlauer sind, als viele meiner Bekannten.

Was nämlich kaum jemand begreift ist, dass die gar nicht viel tun müssen, um hier Krieg auszulösen.
Sie müssen nur ein bisschen mit Angst und Hysterie spielen.
Dann noch auf die sicheren Karten „Sensationsgeilheit“ und „Dummheit“ setzen.
Denn mit diesen vier Jokern haben sie bereits gewonnen.
Fast ganz ohne selbst mitzuspielen.
Weil die Straße aus diesen vier Karten das Full House des Terroristen ist.
Denn damit zerfleischt der Gegner sich selbst.
Ganz alleine.
Und dann darf man sich ruhig fragen, wer der schlauere der beiden ist.
Die Antwort, die auf der Hand liegt, macht mir ziemlich Angst.

Denn genau das passiert gerade in unserem Land.
Und es erschreckt mich zutiefst, dass die Menschen nichts gelernt haben.
Dass sie sich noch immer schneller mit Hass anstecken lassen, als mit Liebe.
Dass sie immer noch denken, man könne Hass besser mit Hass, als mit Liebe bekämpfen.
Dass sie fleißig Zitate von Gandhi posten, der erklärt hat, die Welt würde blind, wenn man Auge um Auge kämpft...
...aber kein Wort von dem verstanden zu haben scheinen, was sie da posten.

So wie heute.
Ich habe langsam wirklich Angst.
Jedoch mittlerweile mehr vor der Kurzsichtigkeit der Menschen um mich herum, als vor  Terroristen.
Weil ich mich mittlerweile frage, ob die Masse der Ratten, die sich durch eine Flöte einfangen lassen, nicht das viel größere Problem ist, als der eine Terrorist, der lediglich die Flöte bläst.

Meine Gedanken sind bei den Opfern und deren Hinterbliebenen.
Und ich bete zu Gott, Allah, oder sonstwem, dass nicht noch mehr dazu kommen.
Aber dafür müssen wir uns alle ein bisschen zusammenreißen.
Und ein bisschen netter zueinander sein.
Und toleranter.
Denn wer seine christlichen Werte schützen will, der sollte sich zuerst mal klar machen, dass dieser Jesus offenbar ein echt netter Kerl war.
Und dass sich keiner derer, die gerade "Auge um Auge" kämpfen wollen, auch nur ansatzweise so verhält, wie er das gut geheißen hätte. 

Amen. 


P.S.: 




Mittwoch, 13. Januar 2016

Helfen wollen - mittendrin statt vor dem Fernseher

Achtung!:
Das wird heute ein etwas anderer Blogartikel als die, die ihr sonst von mir kennt.
Vielleicht ein bisschen ernster.
Vielleicht auch nicht.
Wir werden sehen...

Die kurze Vorgeschichte dazu ist, dass ich mich, wie wir alle, gefragt habe, was eigentlich gerade los ist auf unserem Planeten.
Kriege, Zerstörung, Aggression, es geht vordergründig um Religion und Politik... und das eine lässt sich vom anderen kaum mehr unterscheiden.
Wir hier haben bisher noch Glück gehabt, denn wir fühlen uns sicher in unserer westlichen Welt, verschont von Kriegen, Hunger und Leid.
Wir sehen das alles nur im Fernsehen, zwischen Unterhaltungsprogrammen wie Tatort, Star Wars und Polizeiruf 110...
...und in mir formt sich der Gedanke, ob wir überhaupt noch unterscheiden können, zwischen Realität und Fiktion, denn wer ist schon wirklich mit der Realität da draußen konfrontiert?
Wir bezahlen Fernsehgebühren für Krimis, Mord und Totschlag oder kaufen Kinotickets, um dem Krieg der Sterne beizuwohnen...
...aber beginnen Taten nicht mit Gedanken und Ideen?
Entwickelt sich Phantasien in der "Unendlichen Geschichte" nicht aus Gedanken, die dann zu einer Welt werden, die wir selbst kreieren?
All das hat mich nachdenklich gemacht, verunsichert und mich über unser Leben, unsere Ideen, Aktionen und Reaktionen grübeln lassen.
Also ist in mir der Entschluss gereift, mir die Realität anzuschauen und meinen bequemen Fernsehsessel einzutauschen gegen ein Flugticket nach Griechenland.
Dahin, wo die Menschen selbst nichts haben, jetzt aber zusätzlich noch konfrontiert sind mit Booten voller Flüchtlinge, die dort stranden, weil sie vor einem irrwitzigen Krieg in ihrem Land davonlaufen, dessen Sinn so unsinnig und unverständlich ist, wie der angebliche (Un-)Sinn aller Kriege.
Dank vieler guter Freunde, guter Menschen, die offenbar genauso darüber denken, wie ich, und mir für diese Reise Geld gespendet haben, konnte ich ein Flugticket kaufen und habe mich auf den Weg gemacht, zusammen mit Leuten, die die gleiche Intention verfolgen: Da helfen, wo es nötig ist und eine Ladung gesammelter Winterkleidung dahin bringen, wo Menschen frieren, Hunger haben und nichts mehr besitzen, außer ihr Leben und das ihrer Familie.

Die Reiseroute führt zuerst über Istanbul nach Thessaloniki und ich gebe zu, dass ich keine Ahnung habe, was mich die nächsten Tage erwartet...


Die erste Geschichte, die ich euch dazu erzählen kann, betrifft noch gar nicht den Grund, warum ich dorthin gereist bin, sondern zuerst die Probleme, die das griechische Volk nach wie vor hat und die unnachahmliche Art und Weise, wie die Menschen dort versuchen, selbige zu lösen:

Das Lager, in dem die Spendenkartons untergebracht sind, befindet sich in einer alten Fabrik, in der früher Fliesen hergestellt wurden.
Die Situation dort stellte sich ab einem bestimmten Zeitpunkt im Kleinen so dar, wie die Situation des griechischen Volkes im Großen: 
Die Verantwortlichen schafften ihr Geld beiseite und ließen die Firma in den Ruin laufen, während die Arbeiter keine Löhne mehr bekamen.
Aber der Grieche findet immer einen Weg.
In diesem Fall einen, bei dem mir noch immer das Herz aufgeht vor Bewunderung für dieses Volk, das einfach so pragmatisch handelt, wie es die Umstände erfordern:
"Ihr zahlt uns keinen Lohn?
Gut.
Dann besetzen wir eure Fabrik und erwirtschaften unser Geld selbst."
Natürlich nicht mit Fliesen, denn die Patente dazu gehören noch immer denen, die ihre Schäfchen längst ins Trockene gebracht haben.
Aber es gibt genug andere Dinge, die sich verkaufen lassen.
Zum Beispiel Seife.
Um die herzustellen genügt minimales Erstkapital und Seife wird immer gebraucht.
Gesagt getan:
Einen Chef gibt es nicht, denn mit dem hat man schlechte Erfahrungen gemacht. 
Also organisiert man sich in der Gruppe, entscheidet alles in der Gemeinschaft und bringt kurzerhand ein neues Produkt auf den Markt, das die Arbeiter zwar nicht reich macht, aber immerhin ernährt:
Biologische Seife aus Olivenöl und Kräutern...
...denn beides ist in Griechenland in bester Qualität vorhanden:



Der clevere Grieche geht also vor wie folgt:
Er baut sich Holzrahmen für die festen Seifenstücke und bestellt Plastikflaschen für die Flüssigseife, die er in Handarbeit mit Etiketten beklebt:



Danach wird die Rezeptformel, die ein Chemiestudent kontinuierlich weiterentwickelt, zusammengerührt und das Ganze in die entsprechende Darreichungsform gefüllt:

 

Im nächsten Schritt wird gehobelt bis Seifenspäne fallen...




Dann das Ganze von Hand etikettiert oder mit Hammer und Schablone ein Stempel hineingeklopft...
... et voilá... wir haben ein verkaufsfertiges Produkt:


Was soll ich sagen?
Ich bin begeistert und stolz darf er sein, der clevere Grieche.
Chapeau! 


Ich möchte beim Gedanken daran heute noch laut in die Hände klatschen und "Bravo" rufen.
Außerdem möchte ich Seife kaufen.
Griechische, biologische mit Olivenöl und Kräutern.
Und damit den ganzen Tag mich selbst und meine Wohnung putzen.
Gelernt habe ich hier drei Dinge:
Erstens: Seife muss reifen wie Käse.
Zweitens: Wer braucht schon Europa, wenn er sich besser am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen kann?
Drittens: Wir sollten alle nicht so arrogant sein wegen ein paar Milliarden an Bürgschaften, von denen dieses Volk nie etwas gesehen hat (und die uns nicht direkt fehlen), so lange wir selbst einfach auf ein Amt gehen können, falls uns der Job gekündigt wird und das Geld ausgeht.


Nichts desto trotz geht unsere Reise weiter, denn die 350 Kartons, die diese netten Menschen für uns zwischengelagert haben, müssen an ihren Bestimmungsort, der inzwischen festgelegt wurde auf Chios.
Eine kleine griechische Insel neben Lesbos, auf der erst seit kurzem täglich Flüchtlingsboote ankommen und auf der es deshalb noch an allem nötigen für die Erstversorgung fehlt.

Also 350 Kartons in den LKW laden.
Würde ich das täglich tun, bräuchte ich keinen Cent mehr für ein Fitnessstudio ausgeben und hätte so das Angenehme mit dem Hilfreichen verbunden:


Nach einigen Recherchen stellt sich heraus, mit dem Zug nach Athen und von da aus mit der Fähre nach Chios zu fahren, würde einen ganzen Tag in Anspruch nehmen und dasselbe kosten wie ein Flug, also ist die Entscheidung für letzteres schnell getroffen.
Scheiß drauf.
Wir sind da, um zu helfen, also müssen wir möglichst schnell dahin, wo geholfen werden muss.


Ein paar Stunden später ist es auch schon soweit und ich bin gewillt, kurz zu vergessen, warum ich eigentlich hier bin, denn die Insel erinnert mich an alte Zeiten auf Kreta und vom Geruch bis zu den Temperaturen gibt mir alles ein Gefühl von "Wow, ich bin wieder hier... irgendwie... zu Hause."
Passend dazu kommt auch direkt eine Nachricht aus Stuttgart... ich zitiere:
"Komm bloß wieder heim. Griechenland hat dich ja schon einmal behalten."
Meine Leute kennen mich einfach zu gut. ;) 




Kaum angekommen, treffen wir Karolina.
Ein Mensch gewordener Engel aus Stuttgart, die sich seit September für die Flüchtlingshilfe engagiert und überallhin fährt, wo sie gebraucht wird.
Das übrigens entweder auf eigene Kosten oder finanziert von Spendengeldern.
Sie ist seit ein paar Tagen auf der Insel, hat sich bereits ein Bild von der Situation gemacht und zeigt uns alle strategisch wichtigen Punkte:



Zuerst fahren wir zusammen in die Registrierungsstelle.
Dorthin werden die Flüchtlinge nach Ankunft gebracht, registriert und mit dem Nötigsten versorgt.
Vielleicht wird das nicht jeder verstehen, aber sogar abends, wo man dort niemanden antrifft, habe ich das Gefühl gegen eine Wand von Emotionen, Angst und Unsicherheit zu laufen, die dort in der Luft liegt und ich gebe zu:
Dieses Gefühl überwältigt mich und ich habe das Bedürfnis, diesen Ort so schnell wie möglich wieder zu verlassen.


Die nächste Station gibt wesentlich mehr Anlass zur Hoffnung, denn Karolina zeigt uns die Küche, die viele freiwillige Helfer aus aller Herren Länder aufgebaut und unter ihre Fittiche genommen haben.
Hier wird den ganzen Tag gekocht und zwei bis drei Mal am Tag mit einer Gulaschkanone Suppe ins Flüchtlingscamp gebracht.
Alles noch ein bisschen improvisiert, aber sofort ist spürbar, dass all diese Menschen, die hier Gemüse schneiden, abspülen und Mahlzeiten zubereiten, für ihre Sache brennen:
Sie wollen helfen.
Denen, die wirklich Hilfe brauchen.


Das hier ist also eine kleine Pause für meine überschwänglichen Emotionen, die mich allerdings direkt beim nächsten Stop wieder einholen.
Wir fahren zum SoudaCamp, in dem die Flüchtlinge untergebracht sind und ich befinde mich in einer Situation, die ich nur schwer beschreiben kann:
Eigentlich ist alles gut.
Es ist 15 Grad warm, Menschen sitzen draußen, freiwillige Helfer machen Musik und zaubern den Kindern mit Seifenblasen ein glückliches Lachen auf die kleinen Gesichter.
Trotzdem muss ich mich ein Stück abseits stellen, denn ich kann die Tränen nicht zurückhalten bei dem Gedanken, was all diese Menschen hinter und noch vor sich haben.
Gleichzeitig bin ich überwältigt von der Hilfsbereitschaft der Freiwilligen, die alles tun, um die Flüchtlinge genau das für einen Moment vergessen zu lassen.
Alleine für dieses Wechselbad der Gefühle würde man bei uns einen Therapeuten engagieren, aber ich tröste mich damit, dass ich so etwas zum ersten Mal sehe, und damit vielleicht einen Tränen-Freischuss-Bonus bekomme.


Lange weinen kann ich auch gar nicht, denn einige Minuten später kommt die Gulaschkanone an und ich darf direkt helfen, Suppe zu verteilen.
Nun habe ich in meinem Leben wirklich schon viele seltsame Dinge getan, war manchmal stolz, manchmal enttäuscht... doch in diesem Moment habe ich das erste Mal das Gefühl, etwas wirklich sinnvolles zu tun und ich muss mich bremsen, dass ich mich nicht schäme, weil sich Menschen für einen Becher Suppe bedanken, während ich mir kurz zuvor den Magen vollgeschlagen habe.
Ich will soviel mehr tun, doch es ist mir nicht möglich.
Also teile ich weiter Suppe aus, bis die Schlange der wartenden Menschen ein Ende nimmt und gehe ein paar Stunden später mit diesen unsortierten Gedanken ins Bett.

Die nächsten Tage verbringen wir in einem Lagerhaus, in dem die Bewohner vor Ort bereits massenhaft Sachspenden gesammelt haben, in dem aber schlicht und ergreifend Ordnung fehlt. Dorthin sollen auch die Sachspenden aus Deutschland geliefert werden und wir haben alle Hände voll zu tun, um einigermaßen Struktur hinein zu bekommen.


Aber viele, viele helfenden Hände packen mit an und letztendlich sieht man irgendwann auch hier Licht am Ende des Tunnels:







Was uns immer wieder bewegt, sind Bilder und Briefe griechischer Kinder, die wir bei den Spenden finden und die uns hoffen lassen.
Hoffen, dass sich unsere Werte irgendwann zurückbesinnen auf die Welt der Kinder, in der Religion, Politik, Hautfarbe und Rassen keine Rolle spielen.
Eine Welt, in der wir alle sicher und zufrieden leben können und einer für den anderen da ist, eben dort, wo es nötig ist:




Doch Hoffnungen werden in diesen Tagen schneller zerstört, als sie aufkeimen, denn die Geschichten, die wir hier von den Flüchtlingen selbst hören, sind die, die wir zu Hause nicht aus den Tagesthemen kennen:
So ist es zum Beispiel mittlerweile Usus, dass die türkischen Schlepper ihre Boote nicht mehr selbst steuern, sondern kurzerhand ganze Flüchtlingsfamilien entführen und den Vater selbiger zwingen, das Boot mit seinen Landsleuten übers Meer nach Griechenland zu fahren.
Damit sie nicht das Pech ereilt, dort auf Polizei zu stoßen, die ihnen sofort den Bootsmotor wegnehmen würde, sind sie angehalten, sämtliche Passagiere, also auch Frauen, Kinder und Babys, etwa 200m vor dem sicheren Strand ins eiskalte Wasser zu werfen, um dann sofort umdrehen und zurückfahren zu können.
Ich will gar nicht daran denken, wieviele dort ihr Leben lassen, weil sie nicht schwimmen können, oder erfrieren, aber der syrische Vater hat natürlich in erster Linie Angst um seine eigene Familie in den Händen der türkischen Schleppermafia und hofft, dass es alle bis zum Strand schaffen.
Ob er am anderen Ufer mit seiner Familie belohnt wird, dafür, dass er den Motor heil zurückgebracht hat, steht in den Sternen.
Ebenso wie die Antwort auf die Frage, wie oft er noch fahren muss, oder ob sie überhaupt noch am Leben sind.
Geschichten von Soldaten, die sich für ihre Dienste (heißt: hier und da mal ein Auge zuzudrücken) von syrischen Frauen mit Liebesdiensten bezahlen lassen, will ich an dieser Stelle gar nicht beginnen zu erzählen, weil sie "nur" aus dritter Hand kommen und weil das, was aus erster Hand kommt, schon ungeheuerlich genug ist.
Sind sie dann endlich heil auf der anderen Seite, in unserem Fall Chios, angekommen, werden sie registriert und erstversorgt, bleiben aber nicht lange auf der Insel, sondern reisen mit der Fähre weiter nach Athen, wo sie letztendlich erfahren, ob sie weiterreisen oder bleiben dürfen... oder zurück in die so genannte Heimat geschickt werden.
Doch egal, welcher Weg ihnen bestimmt ist: Die Zukunft bleibt ungewiss.

Was soll ich euch sagen?
Ich habe keine Flüchtlinge aus Booten gezogen, keine Kinder aus dem kalten Wasser gerettet und nur ein paar Tage Einblick bekommen in eine Welt, in der jede helfende Hand benötigt wird, denn am Ende sitzen wir alle im selben Boot und auf demselben Planeten.
Ich bin mir auch immer noch nicht im Klaren darüber, was ich mit all diesen Gedanken und Bildern anfangen soll.
Doch am Tag meiner Abreise wird mir einiges bewusst:
Als eine syrische Mutter vor mir steht, die ich dank der vielen Sachspenden und dank eurer Hilfe vor Ort ausstatten darf mit den notwendigsten Dingen, die sie und ihre Familie für ihre Weiterreise benötigen...
Sie lehnt alles ab, was sie nicht unbedingt braucht und nimmt uns danach alle in den Arm.
Ich bin mir ganz sicher, noch nie vorher eine solche Umarmung gespürt zu haben.
Eine Umarmung, die mich eine Mischung aus Erleichterung, Angst vor der Zukunft und Dankbarkeit erkennen lässt und die mir ein zweites Mal die Tränen in die Augen treibt, weil ich das Gefühl habe, noch so viel mehr für diese Familie tun zu wollen.
Denn das, was wir tun können scheint niemals genug zu sein.

Dieses Gefühl nehme ich mit nach Hause und versuche jeden Tag daran zu denken, wie gut es uns geht, bei all den Luxusproblemen, die wir haben.
Und noch etwas hat sich geändert:
Ich werde nicht mehr laut und aggressiv, wenn es um das Thema Flüchtlinge geht und ich dazu eine Position einnehme, die mein Gesprächspartner nicht vertritt.
Ich werde nur noch traurig und will sagen: 
"Bitte... bitte liebt euch doch einfach. Macht die Welt zu einem besseren Ort indem ihr bei euch selbst anfangt und versucht freundlich zueinander zu sein."
Denn es sind unsere Gedanken, die unsere Taten formen und die am Ende unsere Welt zu der machen, die sie ist.
In diesem Sinne kann ich nur Mahatma Gandhi zitieren:
"Be the change you want to see in the world."
Oder wie ich es selbst formulieren würde:
Du alleine kannst vielleicht nicht die ganze Welt erhellen, aber du kannst eine Laterne sein, die viele andere Laternen anzündet und irgendwann erleuchten wir die Welt alle zusammen.






















Dienstag, 8. September 2015

"Mund aufmachen" - Wie laut darf man eigentlich helfen?

Wow, in Deutschland geht der Punk ab.
Im wahrsten Sinne des Wortes.
Rechts, links, mitte... ich hab irgendwie den politisch korrekten Überblick verloren.
Die Frage ist aber doch eigentlich:
Ist Menschlichkeit überhaupt politisch?

Nach brennenden Flüchtlingsheimen gehen jetzt andere Bilder um die Welt:
Von Menschen, die Flüchtlinge am Bahnhof begrüßen.
Die Flüchtlingskindern Teddys schenken und Schilder in die Höhe halten, auf denen steht:
Welcome to Germany!

Mein erstes Gefühl sagt:
Wow! Toll! Weitermachen!
Und egal wie lange ich darüber nachdenke:
Ich finde keinen Fehler daran.

Aber natürlich kann ich mich diesbezüglich getrost auf die anderen verlassen.
Die, die immer was zum Meckern finden.
Derer gibt es bei uns ja genug.
Und was sie sagen, war vorher schon klar:
- "Sowas kann man auch im Stillen tun."
- "Die ganzen Promis nutzen das doch nur für ihre PR."
- "Warum muss man mit Presse helfen?"

Und an dieser Stelle frage ich mich:
Wird eine gute Tat schlechter, weil man sie laut tut?
Oder sind wir alle mal ehrlich und geben zu:
Sie wird nur dann schlechter, wenn man sie gar nicht tut.

Eigentlich ist es doch total schön, dass dieser peinliche Sommer, den diese ganzen rechten Vollidioten heraufbeschworen haben, am Ende doch zu etwas gut war:
Nämlich dafür, dass die anderen endlich auch mal ihr Gesicht zeigen.
Dass sie den Mund aufmachen und nicht mehr nur im Stillen nett sind.
Denn auch das darf doch dem Rest der Welt - und vor allem den sogenannten "besorgten Bürgern, die ich ja lieber 'dauerintelligenzbefreite Arschlöcher' nenne - gezeigt werden:
Wir "Gutmenschen" sind immer noch in der Überzahl.
Wir sind gastfreundlich, hilfsbereit und freuen uns, dass wir denen, die es nicht so gut erwischt haben, helfen können.

Denen, die das Wort "Gutmensch" in den letzten Monaten zum Schimpfwort gemacht haben, sei an dieser Stelle gesagt:
Ich persönlich bin auch lieber ein Gutmensch, als ein Arschloch.
Ich bin lieber hilfsbereit als futterneidisch.
Und ich denke, jeder, der in unserem Land lebt, kann helfen, wenn er möchte.
Und jeder, der behauptet, das nicht zu können, der lügt.
...und ist damit ein Schlechtmensch, denn lügen ist scheiße.

Und ist es am Ende nicht auch egal, ob man öffentlich, oder im Stillen hilft?
Ob man seine öffentliche Stimme nutzt, um mehr zu bewegen, wie Til Schweiger und so viele andere?
Oder ob man ohne großes Aufsehen Spenden sammelt und verteilt?
Beides ist eine Form der Hilfe und auf die kommt es zum Schluss an.
Ich denke, die diversen Shitstorms, die Prominente bekommen, weil sie öffentlich den Mund aufmachen, sind nur durch zwei Dinge begründet:
Durch Neid und/oder ein schlechtes Gewissen.

Das schlechte Gewissen derer, die tief im Inneren genau wissen, dass sie helfen könnten, es aber nicht tun.
Weil sie zu faul, zu geizig oder zu egoistisch sind.
Weil sie nicht selten selbst jede Hilfe in Anspruch nehmen, die sich ihnen bietet und das für ihr Geburtsrecht halten.
Und weil sie exakt dasselbe den anderen aber nicht zugestehen.
Natürlich wäre es viel bequemer, wenn alle Gutmenschen im Stillen helfen würden.
Ohne diesen Presserummel und die Gesellschaft, die ihnen lobend auf die Schulter klopft.
Dann würde es nämlich keinem auffallen, dass man nix tut.
Weder den anderen, noch einem selbst.
Dann könnte man sich weiter einfach mit seinem Feierabendbier, den Fussballergebnissen oder der Lieblingsserie beschäftigen und würde nicht belästigt von medialen Bildern, die dauernd diese Halbengel zeigen.
Diese Mütter und Väter Theresas, die in ihrer Freizeit auch noch Gutes tun, anstatt sich nur mit sich selbst zu beschäftigen.
Wirklich lästig, diese Moralprediger.
Vor allem dann, wenn sie nicht mal predigen, sondern gleich etwas tun.
Das erhöht den Druck ja noch mehr.

Schade, dass so viele vielleicht einfach zu dumm sind, um zu erkennen, dass diese Welt nur dann ein schönerer Ort wird, wenn wir sie dazu machen.
Jeder einzelne.
Nicht immer nur die anderen.
Aber klar: gezwungen wird niemand.
Zumindest habe ich noch von keinem Gutmenschen gehört:
"Was? Du hast noch keinem Flüchtling geholfen? Du bescheuerter Schlechtmensch!"
Nein, merkwürdigerweise ist es immer umgekehrt.

Und genau das ist es, was mich nachdenken lässt.
Darüber, warum es so viele gibt, die den Mund halten, wenn öffentlich Scheiße passiert:
Wenn Flüchtlingsheime brennen, Menschen bedroht werden, Leute ertrinken...
Und darüber, warum gerade die plötzlich aufwachen, wenn mal etwas Schönes in der Zeitung steht, und was tun?
Genau: Meckern.
Schon mal drüber nachgedacht, dass diese Meckerei vielleicht vorher sinnvoller gewesen wäre?

In diesem Sinne:
Macht weiter den Mund auf, ihr Gutmenschen!
Helft, wo ihr helfen könnt, seid nett zueinander und gebt ein bisschen von eurem Reichtum ab an die, die nicht so viel Glück hatten.
Schreit die Liebe laut heraus!
Denn man sollte nicht dem Hass, sondern der Liebe Gehör verschaffen.
Dann sind wir alle glücklicher.
Denn Glück und Liebe sind die einzigen Gefühle, die sich verdoppeln, wenn man sie teilt.
Und das darf man ruhig so laut tun, wie man kann.

                                          Foto: viva.tv

Donnerstag, 30. Juli 2015

"BILD dir deine Meinung!"... und nimm zur Sicherheit gleich unsere.

"Warum das eigene Gehirn benutzen, wenn ich auch andere für mich denken lassen kann?"
In letzter Zeit entdecke ich täglich mehr Menschen, die das zu ihrem Leitsatz gemacht zu haben scheinen.
Leider sind das meistens die, die dann die BILDzeitung für sich denken lassen.
Vielleicht tatsächlich aber auch nicht immer aus Faulheit.
Sondern eventuell auch in Ermangelung eines eigenen Denkapparates.
Zumindest könnte man das glauben, wenn sie ihre Stammtischparolen raushauen.
Erschreckend oft höre ich Gespräche dieser Leute mit Sätzen beginnen wie:
"Ich bin ja kein Nazi...".
Danach kommt zu neunzig Prozent ein "aber...".
Und danach zu tausend Prozent der größte Blödsinn, den ich je gehört habe.
Man entblödet sich leider auch nicht, wirklich alles aus dem Hut zu zaubern, was da sowieso kaum rein - und schon gar nicht zusammenpasst.
Das einzige, was die merkwürdigen Argumentationsketten aus diesem Hut gemeinsam haben ist, dass sie schlecht recherchiert, schlicht gelogen oder zumindest so verdreht sind, dass man auch ein Märchen der Gebrüder Grimm draus stricken könnte.
Die Grimms hätten sich über die Tausenden freiwilligen Helfer, die unser Land gerade beherbergt, bestimmt riesig gefreut.
Und ich meine damit nicht die Flüchtlinge.
Ich meine die Märchenerfindungshelfer.
Das sind die anderen.

Und da wären wir bereits beim Thema:
Flüchtlinge, Asylbewerber, Kriegsopfer... sie haben so viele Namen.
Bis vor ein paar Monaten war ich tatsächlich noch der Meinung, die Aussage, in Deutschland gäbe es Rassismus, sei mega von gestern.
Leider hat gestern wahrscheinlich schon wieder irgendwo ein Flüchtlingsheim gebrannt.
Oder zumindest standen sicher irgendwo ein paar ganz schlaue Bauern mit ihren Mistgabeln vor einem davon.
Um "mal für Ordnung zu sorgen".
Weil sich Djevat und Adnan in die Haare bekommen und dabei Murat verletzt haben.
Und die Polizei macht ja nix.
Während die sich hier aufführen wie die Idioten.
Tja.
Stimmt schon.
Und besonders nett ist das auch nicht, hierher zu kommen und Unfrieden zu stiften.
Klar soweit.
Allerdings muss man der Fairness halber sagen:
Gegen die anderen (deutschen) Idioten macht die Polizei ja auch nix.
Und ich bin mir nicht sicher, ob sich ein Mob von 300 Bauern auf den Weg gemacht hätte, wenn ein aufrechter Holger, Kai oder Sascha im Streit besagten Murat abgestochen hätte.
Mal überlegen:
Wahrscheinlich eher nicht.
Zumindest nicht während der Sportschau.
Schließlich müssen wir morgen früh raus.

Wenn man diesen Leuten solche Fragen allerdings stellt, bekommt man ja immer die gleiche Antwort:
Wir haben gar nix gegen Flüchtlinge die wirklich Hilfe brauchen.
Aber ausgerechnet die, die bei uns wohnen, stiften immer nur Unruhe.
Aha.
Mein Gedächtnis hat sich im selben Moment an Gespräche erinnert, die ich dort bereits geführt habe, bevor besagte Flüchtlinge überhaupt angereist waren.
Und schon da wollte man sie eigentlich nicht haben.
An diese Stelle passen dann auch wieder die ersten drei Plätze meiner Rangliste für dämliche Argumente:

Platz drei und damit eine solide Bronzemedaille:
"Ich gehe jeden Tag arbeiten, damit die davon leben."
WooooHooooo!!!
In diesem Moment frage ich mich immer, warum solche Leute das denken?
Werfen die direkt Schecks in den Briefkasten des Flüchtlingsheimes?
Oder wird ihr Flachbildfernseher enteignet, weil man ihn im Asylantenheim braucht?
Können sie sich ihre Kiste Bier beim Grillen nicht mehr leisten, weil man die aufgrund der Flüchtlinge so besteuert, dass wir schwedisches Preisniveau auf Alkohol erreichen?
Am liebsten mag ich auch, wenn solche Sätze aus sächsischem Mund, oder auch aus dem Mund der gemeinen Landbevölkerung kommen.
Das sind nämlich meistens die, die (im ersten Fall) selbst Hilfe in Form von Begrüßungsgeldern und Solis kassiert haben.
Oder (Fall zwei) die, die mindestens einen Bauplatz vom Papa geerbt haben, wenn nicht gleich ein fertiges Elternhaus, und denken, das stünde ihnen, als deutschen Staatsbürgern, halt zu.
Weil wir hier schließlich alle soviel leisten.
Das haben wir schon damals getan, gleich nachdem wir den Krieg angezettelt hatten...
Den wir aber heute gerne auf unsere Großeltern schieben.
Da stimmt doch schon wieder was in der Kausalkette nicht.

Bevor ich mich verzettle, küren wir Platz zwei:
"Hier gibts auch so viele arme Leute, die Hilfe brauchen. Obdachlose und Rentner und so..."
Ah ja.
Das mag schon sein.
Ich wundere mich nur immer, warum dieses neue, soziale Engagement ausgerechnet in solchen Gesprächen auf den Tisch kommt.
Als würde sich einer von denen damit auskennen.
Weil er mal einem Obdachlosen ein paar Schuhe geschenkt, oder der Oma von nebenan eingekauft hat.
(Außer natürlich, es ist die eigene Oma, weil man von der mal das Haus erbt, aber sorry, das gilt nicht.)
Meistens sind das doch gerade die, die an den Obdachlosen vorbei gehen, ohne einen Euro in den Kaffeebecher am Boden zu werfen.
Moment, mir will gleich auch wieder das typische Argument einfallen...
Ach ja:
Soll er halt arbeiten gehen.
Klar.
Wenns allerdings um Flüchtlinge geht, dann klingts wiederum besser, man stellt sich auf Seite der Obdachlosen.
Immerhin sind die wenigstens deutsch.

Und endlich, Platz eins:
"Wir Deutschen bezahlen immer für alle."
Geil.
Und dann kommt der berühmte Hut, aus dem man alles zaubert, was die BILDzeitung hergibt:
Klar, an erster Stelle noch immer die Flüchtlinge.
Das sind übrigens meistens die, die aus den Krisengebieten kommen, die wir schön mit Waffen versorgen, damit es uns wirtschaftlich gut geht.
Okay, es ist von Leuten mit BILD-Argumenten jetzt vielleicht zuviel verlangt, da eine Verbindung herzustellen.
Vielleicht erklärts euch ja mal ein netter Syrer, dem man eine Knarre aus echter, solider deutscher Qualität an den Kopf gehalten hat.
Weshalb er dann mit seiner Familie geflohen ist, der Waschlappen.
Und der jetzt die paar Hundert Euro, die er hier bei uns an hart verdienten Steuergeldern für selbige Familie abstaubt...
...na?
Genau: auch wieder hier ausgibt.
Beim Bäcker, im Supermarkt...
...und damit dafür sorgt, dass das Geld, das man ihm zur Verfügung stellt, exakt so wie es ist, wieder in unseren wirtschaftlichen Kreislauf zurückfließt.
Damit dann übrigens unter anderem der Kassiererin im Supermarkt den Job sichert.
Und das alles, während die BILD-Parolendrescher auf Malle ihr Geld verballern.
Damit die spanische Wirtschaft unterstützen.
Und nebenbei noch eine Schlägerei mit ein paar Engländern anzetteln und Unfrieden stiften.
Aber wahrscheinlich sieht ein von Neid und Hass zerfressenes Gehirn auch da keinen Zusammenhang.
Da fällt mir ein: Ist ein von Hass zerfressenes Gehirn eigentlich ein hässliches Gehirn?
Egal...

Weiter gehts dann gerne mit den faulen Griechen:
Die ja mit 55 in Rente gehen und jetzt am Strand mit Schirmchengetränk unsere Steuergelder verbraten.
Nur doof, dass das gar nicht stimmt.
Zumindest doof für die Griechen.
Dass unsere Regierung eigentlich nur Bürgschaften übernommen hat und Darlehen, die sie selbst aufgenommen hat an Griechenland weitergibt (natürlich mit einem höheren Rückzahlzinssatz), das weiß ja kaum einer.
Und selbst wenn:
Dann wäre das unbequem, weil man dann nicht mehr schimpfen kann.
Hat man jetzt mal einen schlauen Kopf vor sich sitzen und argumentiert mit:
"Es ist noch kein deutscher Euro dahin geflossen. Wir verdienen eher dran."
...dann wird der Schlaue sagen:
"Najaaa... mit der Inflationsrate...ich denke, das geht null auf null auf. Und wenn sie gar nix zurückzahlen, bleiben wir an ein paar Milliarden Bürgschaft hängen."
Fair enough.
Das stimmt.
Es sind allerdings auf keinen Fall mehr Milliarden, als im Stuttgarter Bahnhof, oder der Hamburger Elbphilharmonie versenkt werden.
Hat man aber einen BILDparolendrescher vor sich, wird der sagen:
"Hä? Wieso Bürgschaften? Das waren Milliarden an Steuergeldern. Guckst du kein Fernsehen?"
Spätestens da habe ich keine Lust mehr, zu erklären, dass RTL2 nicht zu meinen bevorzugten Sendern gehört.
Und mit solchen Leuten zu diskutieren ist halt auch dasselbe, wie mit einer Taube Schach zu spielen:
Sie wird aufs Spielbrett kacken, die Figuren umwerfen und dann stolz von dannen ziehen, als hätte sie gewonnen.

Bei einem lustigen Abendessen mit schlauen Köpfen ist mir heute übrigens mal aufgefallen, dass wir niemanden...
...in Großbuchstaben: NIEMANDEN...
... haben motzen hören, weil man in Stuttgart mal eben 70 Millionen (!!!) Euro in ein neues Affenhaus investiert hat.
Ich frage mich heute noch, was die da eingebaut haben:
Einen Whirlpool und Flatscreens, damit die Affen Dschungelcamp schauen können und nicht merken, dass sie in einer 70 Millionen-Villa eingesperrt sind?
Aber hey, wir sind alle mega Tierlieb und so.
Die sollen es schon gut haben.
Wenn sie schon nicht in Freiheit leben dürfen.
Dafür kann man auch gut mal was von den Flüchtlingen abzwacken.
Schließlich sorgen wir schon dafür, dass die jetzt in Freiheit leben dürfen, da müssen sie es nicht auch noch gut haben.
Logischer Umkehrschluss.
Zumindest für dumme Menschen.
Aber wir müssen fair bleiben:
Das Affenhaus ist regional und Stuttgart eine sehr flüchtlingsfreundliche Stadt.
Wir geben Geld für Affen UND Flüchtlinge aus.
Sogar für Bahnhöfe, die keiner braucht.
Letzteres zwar nicht so gerne, aber deswegen zünden wir trotzdem nix an.
Wir machen Anti-Pegida-Demos, geben den Türken, der veganen Döner verkauft, als Geheimtipp unter der Hand weiter und machen sogar begeistert beim evangelischen Kirchentag mit.
Alles in allem ist die Welt in Stuttgart noch okay.
Uns geht es wirtschaftlich ja auch gut.
Daimler, Porsche, Bosch...
Da muss keiner Angst um seinen Job haben.
Den ihm vielleicht auch noch ein Ausländer klaut.
Stimmt.
Hier hat auch keiner Angst um seinen Job.
Denn die meisten, die gute Jobs haben, haben auch genug Gehirn um festzustellen:
"Wenn mir ein Ausländer ohne Sprachkenntnisse, Geld oder Kontakte den Job klaut, dann bin ich vielleicht einfach so scheiße, dass man mich eh nix alleine machen lassen kann.
Und DESHALB habe ich dann keinen Job."

Aber man kann dieses Bildungsniveau halt vielleicht nicht überall in unserem Land voraussetzen.
Oder gar erwarten, dass Leute sich mal selbst informieren.
Vielleicht mal was anderes googlen als Fußballergebnisse.
Warum auch?
Der Rest steht ja in der Zeitung.
"BILD dir deine Meinung!"
Eine bequeme, mundgerechte, vorgefertigte Meinung.
Quasi eine Ritter-Sport-Meinung:
Quadratisch, praktisch, gut.
Reicht prima für den Stammtisch und den Hausgebrauch.
Da merkt nämlich eh niemand, dass das alles nur zusammengeliehenes Dreiachtelwissen ist.
Hauptsache man kann seine Hassparolen drauf aufbauen.
Und wie wir ja noch von früher wissen:
Hass braucht als Fundament jetzt nicht unbedingt Intelligenz.
Besser sind da Neid, Angst, Egoismus, Religion, Dummheit... to be continued.
Wobei man da auch differenzieren muss:
EINEN, der intelligent ist, braucht man.
Das war damals dieser Herr Hitler.
Oder Schicklgruber, wie sein Vater ursprünglich hieß, aber das machte nicht genug her.
Und der wiederum braucht dann die Masse an Dummen.
Dann klappts auch mit den Nachbarländern.
Also: Sie zu kassieren.
Vorausgesetzt, die Affen wehren sich nicht.

Wenn ich mir diesen Artikel hier nochmal so durchlese, stelle ich auch fest, dass ich erschreckend oft denke:
"Mist, das muss ich umschreiben. Einfacher formulieren, damit es auch die kapieren, die es betrifft."
Aber, um ehrlich zu sein, bin ich müde.
Müde, immer bei Adam und Eva anzusetzen, weil solche Leute nicht mal mit dem Begriff "Kausalzusammenhang" was anfangen können.
Wie soll man denn solchen dann bitte erklären, was der Unterschied zwischen einer Euromünze und einer Bürgschaft für eine Euromünze ist?
Und da wären wir wieder bei den Tauben, die keine Ahnung vom Schach haben.
Aber Hauptsache mal rumkacken und mitspielen wollen...

                                           (Danke, TeufelsKueche, für DIESEN Knaller!!!)

Montag, 27. Oktober 2014

Die Arroganz der Kritik - Gott sei Dank gibt es immer welche, die es besser können…

…und wenn sie es nicht besser können, können sie wenigstens über andere meckern.

 Am liebsten würde ich diesen Artikel beginnen mit 'Liebe Lemminge…'.
Oder mit einem Zitat meiner Oma: "Wenn Du nichts Nettes über eine Person sagen kannst, dann halte den Mund."
Und ich weiß, dass ich ihn am besten gar nicht schreiben sollte.
Denn er könnte entweder den Durchbruch oder das Ende meiner jungen Karriere bedeuten.

Aber ich ärgere mich.
Über so viele Menschen, die Empathie gerne gegen Egoismus und Arroganz eintauschen.
An dieser Stelle muss ich vielleicht gleich öffentlich zugeben:
Ich habe nicht geweint, als Marcel Reich-Ranicki gestorben ist.
Obwohl es mir natürlich sehr leid tat für seine Angehörigen.
Ist ja immer schlimm sowas.
Aber ich habe einen Schnaps getrunken.
Weil ich irgendwie fand, dass es gar nicht der große Verlust für die Öffentlichkeit war, zu dem man es gemacht hat.
Und weil ich irgendwie erleichtert war.
Erleichtert darüber, dass der mir, kurz nach meinem Eintritt in die Welt der Schriftstellerei, schon nichts mehr tun kann.
Dass der schon keins meiner Bücher mehr verreißen kann.

Ich habe mich gewundert über diese merkwürdige Emotion gegenüber einem Wildfremden.
Bis ich gecheckt habe, dass ihr etwas zugrunde liegt, das wir alle nicht mögen:
Angst.
Aber warum hat man Angst vor einem Fremden?
Und darauf folgt gleich die zweite Frage:
Wie schafft es dieser Fremde, sich Gehör zu verschaffen bei so vielen Leuten, die einem dann wiederum Angst machen?
Woher nimmt er das Recht, Kritik zu üben, die oft weit unter der Gürtellinie liegt, an Dingen, die ohnehin nur subjektiv bewertet werden können?
Hat der überhaupt mal selbst ein Buch geschrieben und auch nur den Hauch einer Ahnung, was da alles drin steckt?
Dass wir Autoren Wochen und Monate in so ein Projekt investieren, nie abschalten, dauernd recherchieren, nachts davon träumen und meistens nebenbei noch arbeiten gehen, weil von der beschissenen Bezahlung fürs schreiben keiner leben kann?
Keiner, außer Marcel Reich-Ranicki, der andere schreiben lässt und mit seinem Gemecker darüber seine Millionen scheffelt.

Eigentlich stelle ich nie solche Vergleiche an und an dieser Stelle ist er sicher besonders verpönt:
Aber wenn man es genau nimmt, sind diese selbsternannten Kritiker, all diese kleinen Reich-Ranickis, doch auch nichts anderes als kleine Hitler.
Das sind die, die denken bestimmen zu dürfen, was gut und was schlecht ist.
Die, die bestimmen, was lebenswert ist und was vernichtet werden sollte.
Die, die gerne jemanden an den Pranger stellen und ihren Soldaten in Form von Öffentlichkeit das Schießkommando geben.
Die Reich-Ranickis der Lokalredaktionen, der Stadtmagazine, oder der eigenen Meckerplattformen im Internet.
Die, die selbst noch nie einen Bestseller geschrieben haben, aber trotzdem der Meinung sind, zu wissen, wann andere Mist gebaut haben.
Die, die glauben zu wissen, was auf dem Markt zu laufen hat, aber selbst eine Pleite nach der anderen fabrizieren, weil der Markt sie angeblich nicht versteht.
Oder weil sie erst gar nicht den Mumm oder das Zeug dazu haben, es zu versuchen und lieber weiter in die Sessel ihrer Lokalredaktionen furzen.
Denn da kann man sich super verstecken und hat trotzdem eine öffentliche Stimme.
Eine Stimme, für die man ausnahmsweise keine Qualifikation vorweisen muss.
Eine Stimme, mit der man einfach bestimmen kann.
Die kleinen Hitlers unserer Zeit, die erst Bücher verbrennen und sich danach für Gott halten, weil sie andere demontieren wie es ihnen passt.
Die selbsternannten Kritiker mit einer Mischung aus Narzissmus- und Napoleonkomplex, die selbst nichts auf die Kette kriegen und dafür gerne die Werke der anderen zertreten.


Versteht mich nicht falsch: Es geht hier nicht nur um Literaturkritiker.
Es geht um all diese Menschen, die nicht einfach leben, leben lassen und mal ihre Schnauze halten können.
Um all die Leute, die selbst ein Durchschnittsdasein fristen und zu feige sind, den anderen Weg zu wählen: Nämlich ein Risiko einzugehen, um der Welt etwas zu hinterlassen.
Um die, die sich dann aber trotzdem für Künstler (oder Götter) halten, weil sie ihren Mund aufreißen und laut herausbrüllen, wer ihrer Meinung nach scheiß Musik macht, blöde Bücher schreibt, beschissen kocht oder mit doofen Farben malt.
Es geht genau um diese Leute, die andere damit bis in den Tod treiben, wie die Kritiker des Gault Millau, die sich bereits den Selbstmord eines fantastischen Kochs (Dunkelziffer unbekannt) auf die Fahne schreiben durften, weil sie in der Branche einen Druck aufbauen, dem nicht jeder standhalten kann.
Oder um tief betroffene Reporter, die ich vor der Trauerfeier von Michael Jackson habe sprechen hören.
Sinnigerweise teilweise dieselben, die damals seine Anklage wegen Kindesmissbrauch begleiteten und ihn ,laut ihrer Berichterstattung, für schuldig hielten und das in die Öffentlichkeit posaunt haben.
Genau die, die ihn sicher mit in den Tod getrieben haben.
Aber niemand hält sich selbst für schuldig, weil er im falschen Moment etwas unbedachtes sagt. Niemand erkennt die Macht seiner Worte, wenn sie gerade nicht angebracht sind.
Und niemand will es danach gewesen sein.
Nein.
Nach Michael Jacksons Tod waren alle die, die ihn Jahre zuvor demontiert haben, schon immer die größten Fans dieses Genies.
Natürlich.

Jeder, der mich und meinen Weg ein bisschen verfolgt hat weiß, dass ich wohl die einzige Autorin der Welt bin, die die Frankfurter Buchmesse nicht ausstehen kann.
Denn sie ist voll von solchen Leuten.
Voll von selbsternannten Literaturkritikern.
Manchmal auch Lektoren, die einem ins Gesicht sagen, dass die Arbeit der letzten sechs Monate scheiße ist.
Die auch gerne mal predigen, dass sie am besten wüssten, was auf dem Markt läuft.
Das sind die Momente, in denen ich mich frage, warum der Markt dann nicht ausschließlich aus Bestsellern besteht und warum eine Mrs. Rowling von zwanzig Verlagen abgelehnt wurde, bevor sich einer erbarmte, ihren Jahrhundertbestseller zu verlegen.
Weil die Lektoren und Kritiker immer besser wissen, was scheiße ist?
Hoffentlich wurden alle die, die der Autorin sagten, Harry Potter sei nicht gut genug und würde nicht laufen, gefeuert.
Zumindest würde ich an dieser Stelle ausnahmsweise laut darüber lachen.
Natürlich hat jeder Verlag, und damit jeder Lektor das Recht, selbst zu entscheiden, was er veröffentlicht und was nicht.
Was ich meine, ist die Form, oder Art und Weise der Kritik, die man anbringt.
Das, was viele da tun, ist so ähnlich, wie einer Mutter zu sagen, ihr Kind sei dumm, hässlich und noch dazu ein Arschloch.
Doch das würde sich kaum jemand trauen, denn das wiederum ziemt sich in unserer Gesellschaft nicht.

Was nämlich niemand zu verstehen scheint ist: Künstler sind meist hochsensibel.
Wären sie das nicht, könnten sie nichts neues schaffen, nicht kreativ arbeiten.
Wir freuen uns riesig über jedes Lob, nehmen aber auch jede Kritik persönlich und zehn mal so schlimm als der, der sie unbedacht geäußert hat.
Denn wir versuchen, perfekt zu sein.
Wir möchten Freude, Farbe, Lachen und Emotionen in die Welt streuen.
Überlegt mal: Was wäre die Welt denn, so ohne Künstler?
Nix mehr mit abends ins Kino gehen, Musik hören, ein Buch lesen, Fernsehen, Ausstellungen besuchen, Theatervorführungen ansehen…und, und, und.
Alles, was das Leben schön macht, wäre gänzlich von der Bildfläche verschwunden.
Und die, die genau das erschaffen, leben meistens weit weniger feudal als die, die es konsumieren.
Von den paar Hollywoodstars und -sternchen mal abgesehen.
Wir anderen machen wirklich viel für reinen Applaus, doch der zahlt leider unsere Miete nicht.

Dabei hat das alles noch nicht einmal immer etwas mit gutem Handwerk zu tun.
Das hat mir einer meiner besten Freunde - selbst Musiker - beigebracht, dessen Vater - wie meiner - Künstler war.
Mein Vater war Fan von Darstellender Kunst, seiner eher der Vertreter abstrakter Kunst.
Wie gerne habe ich Dinge gesagt wie: "Kunst kommt ja immer noch von können und nicht von wollen, sonst würde es Wulst heißen."
Grundsätzlich sehe ich das auch immer noch so.
Zum Nachdenken hat er mich aber gebracht, als er sagte: "Ist Kunst nicht das, was das Werk mit dem Betrachter macht? Ist nicht alles, das eine Form von Emotion auslöst, das Gedanken dazu bewegt, sich damit auseinanderzusetzen, Kunst?"
Und erst da habe ich den Unterschied zwischen Kunst und Handwerk verstanden:
Der Jazzmusiker in der Kneipe mag mehr von seinem Handwerk verstehen, weil er sein Instrument wesentlich besser im Griff hat, als ein junger Rapper mit einer Maske, der wahrscheinlich nie eines gespielt hat.
Aber ist es nicht auch Kunst, sich und ein paar dahergesprochene Texte so zu verkaufen, dass man mit dem, was man tut, Massen begeistert?
Und ist diese Kunst nicht genauso wertvoll wie das Handwerk?
Seitdem lasse ich sogar Josef Beuys seinen Applaus.

Aber anstatt sich das bewusst zu machen und sich darüber zu freuen, dass für jeden das dabei ist, was er mag, verkommt unsere Gesellschaft immer mehr zu einem Haufen arroganter Wichtigtuer und Meckerfritzen.
Leute, die denken, es macht sie zu sympathischen Wesen, dass sie sich selbst zu Helden stilisieren, indem sie andere klein machen oder gar zertreten.
Schätze, da haben so einige das Superheldendasein nicht verstanden.
Und der Rest der Konsumgesellschaft?
Genau: Liest diese Kritiken auch noch und richtet ihr Kaufverhalten danach, um ihnen noch mehr Macht zu geben.
Noch mehr Macht, die noch mehr Angst schürt.
Angst bei denen, die euch die Kunst liefern und dann vielleicht am Ende dem Druck nicht standhalten. Weil irgendwo ein kleiner selbsternannter, wichtigtuerischer Kritiker, ein Reich-Ranicki der Lokalredaktion oder ein kleiner Hitler der Verlagswelt denkt, er muss ein paar Gemeinheiten loswerden um cooler zu sein als die anderen.

 Warum schreibe ich diesen Artikel, fragt ihr euch wohl?
Wo ich doch selbst - Gott sei Dank - noch kaum schlechte Kritiken für meine Bücher bekommen habe!?
(Bis auf die eine, die zwar nicht schlecht, aber auch nicht besonders toll war. Geschrieben von einem Rechtsanwalt, der auch gerne anderen Kinderbüchern unterstellt, sprachlich nicht das Nonplusultra zu sein. An dieser Stelle würde ich dazu auch gerne sagen: Ihre Kritiken sind selbiges in meinen Augen auch nicht. Und ich hoffe, Sie sind ein besserer Anwalt, als Kinderbuchkritiker. Danke.)
Aber ganz einfach:
 Erstens ärgert es mich schon lange.
Zweitens habe ich heute eine Kritik über einen Musiker-Kollegen gelesen, die mich wütend gemacht hat.
Nicht, weil ich sein neues Album oder gar ihn kenne.
Sondern weil man so nicht mit Menschen umgeht, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, der Welt etwas zu hinterlassen.
Weil man so nicht über Dinge spricht, die man erstens selbst nicht besser kann und die zweitens subjektiv zu bewerten sind.
Und weil es mich zornig macht, wie Menschen mit Menschen umgehen.
Und dass es noch mehr Menschen gibt, die diese profilneurotischen Wichtigtuer unterstützen, indem sie ihnen zujubeln und in die gleiche Kerbe schlagen, weil sie auf der Meckerwelle mitschwimmen und ein Gefühl von Oberwasser haben.
Und dabei ist es ganz egal, wen man damit in den Ruin treibt.
Schliesslich ist er selbst schuld, wenn er sich in die Öffentlichkeit wagt mit seinem scheiß.
Dann darf man ihn auch legitim zerfetzen.

Ich kann dazu nur sagen: Herzlichen Glückwunsch für diese degenerierte Gesellschaft und ihre Hierarchiestrukturen.
Und: Ich kann gar nicht so viel essen wie ich kotzen möchte, wenn ich sowas lese und mir überlege, ob diese Leute im Alltag auch so mit ihren Mitmenschen umspringen.
Wünschen würde ich mir, dass man die anderen einfach mal sein lässt.
Ob sie Erfolg haben oder nicht, stellt sich doch irgendwann von ganz alleine heraus.
Und ich wünsche mir, dass sich niemand mehr rechtfertigen muss für seinen Musikgeschmack, seinen Literaturgeschmack, seinen Essensgeschmack, oder sonstige subjektiven Dinge.
Wie wäre es, wenn ihr einfach mal so mit euren Mitmenschen umgehen würdet, wie ihr selbst gerne behandelt werden würdet?
Wenn einfach jeder die Musik hört, die Filme sieht, das Essen isst und die Bücher liest, die er selbst mag, ohne immer darauf zu hören, was andere darüber denken?
Ich finde, das wäre ein guter Anfang.
Und das noch bessere Ende von Kritikern, deren Daseinsberechtigung man vielleicht wirklich mal überdenken sollte.

 P.S.: Übrigens muss ich mich auch immer dafür rechtfertigen, dass ich Johnny Cash scheiße finde. Denn DER ist ja dank guter Kritiken, irgendwelcher Lobeshymnen, und eines Haufens Glück irgendwie in.
Weshalb es natürlich out ist, ihn scheiße zu finden.
 Dabei war er ein Arschloch, das seine Frau verprügelt hat und seine Stimme erinnert mich eigentlich immer nur an seine permanenten Alkoholunfälle.
 Warum sagt DAS eigentlich keiner mal laut?
 Ach so…hat man ja.
 Sogar verfilmt.
 Ist den Leuten aber egal.
 Wahrscheinlich weil irgendwer, der noch nie in seinem Leben eine Gitarre in der Hand gehalten, aber dafür in irgendeiner Lokalredaktion eines beschissenen Provinzblattes sitzt, gesagt hat, Johnny Cash ist cool, OBWOHL er seine Frau vermöbelt hat.
Langsam wäre es echt mal an der Zeit, den Kopf zu benutzen, meine lieben Lemminge.

P.P.S: Und noch was: Ich schreibe auch 'Kritiken'.
Sogenannte Rezensionen über die Bücher der Kollegen. Und ich veröffentliche diese auf der Internetseite meines Kindermodelabels. (www.punkiz.de)
Der Unterschied zwischen mir und den anderen Kritikern ist nur, dass ihr über Bücher, die ich scheiße fand, dort nie etwas lesen werdet.
Ich halte meine Meinung dazu nämlich nicht für das, was am Ende zählt und habe kein Interesse daran, selbige anderen aufzuzwingen und damit meinen Kollegen zu schaden.
Frei nach dem Motto meiner Oma:
Wenn Du nichts Nettes über eine Person zu sagen hast, dann halte den Mund.

 (Foto: Aus "Ratatouille".
Endlich ein Kritiker, der am Ende mal vernünftig wird.
Ich zitiere: "Die Arbeit des Kritikers ist in vieler Hinsicht eine leichte. Wir riskieren sehr wenig und erfreuen uns dennoch einer Überlegenheit gegenüber jenen, die ihr Werk und sich selbst unserem Urteil überantworten. Am dankbarsten sind negative Kritiken, da Sie amüsant zu schreiben und auch zu lesen sind. Aber wir Kritiker müssen uns der bitteren Wahrheit stellen, dass, im Großen und Ganzen betrachtet, das gewöhnliche Durchschnittsprodukt wohl immer noch bedeutungsvoller ist als unsere Kritik, die es als solches bezeichnet. Doch es gibt auch Zeiten, da ein Kritiker tatsächlich etwas riskiert, wenn es um die Entdeckung und Verteidigung von Neuem geht. Die Welt reagiert oft ungnädig auf neue Talente, neue Kreationen.")